Gesichtsmuskeln unterscheiden sich von Skelettmuskeln
Die meisten Muskeln im Körper verlaufen zwischen zwei Knochen und bewegen diese. Gesichtsmuskeln sind anders. Viele entspringen einem Knochen, aber ihr anderes Ende ist direkt an der Haut befestigt. Wenn sie sich zusammenziehen, bewegen sie nicht den Knochen, sondern die Haut. Deshalb entsteht das, was wir Mimik nennen: Die Haut zieht sich zusammen, es bilden sich Linien.
Das ästhetische Ergebnis des an der Haut befestigten Muskelmodells ist folgendes: Jede Mimikfalte ist eine Projektion des Vektors des darunterliegenden Muskels. Vertikale Linien entstehen meist durch horizontal ziehende Muskeln, horizontale Linien durch vertikal ziehende Muskeln. Diese Logik ist der Kern der klinischen Argumentation, die bestimmt, welche Dosis welchem Muskel verabreicht wird.
Das Duo aus Heber und Senker
Es ist praktisch, die Gesichtsmuskeln in zwei Hauptgruppen zu unterteilen: Heber (Elevatoren), die nach oben ziehen, und Senker (Depressoren), die nach unten ziehen. Der Frontalis (Stirnmuskel) ist ein Heber – er hebt die Augenbrauen an. Der Orbicularis oculi und der Procerus sind Senker – sie ziehen die Augenbrauen und das Augenlid nach unten. Die Unterdrückung eines Hebermuskels richtet das Gesicht nach unten; die Unterdrückung eines Senkermuskels „hebt“ das Gesicht nach oben.
In der Klinik resultiert die Beschwerde „meine Augenbraue ist gesunken“ meist aus einer übermäßigen Unterdrückung des Stirnmuskels. Die Lösung besteht darin, nicht die gesamte Stirn zu blockieren, sondern die Depressoren der Glabella (zwischen den Augenbrauen) und des Orbicularis anzuvisieren und die Hebekraft des Frontalis zu erhalten. Genau das ist die „Lifting“-Logik bei Botox – den Depressormuskel zum Schweigen zu bringen und dem Elevator Platz zu machen.
Hebemuskeln
- Frontalis – Stirn, hebt die Augenbrauen
- Levator palpebrae – oberes Augenlid
- Zygomaticus major – zieht den Mundwinkel beim Lächeln nach oben
- Levator anguli oris – hebt den Mundwinkel an
Senkermuskeln
- Procerus – zieht den Bereich zwischen den Augenbrauen nach unten
- Corrugator – „Stirnrunzeln“-Bewegung
- Orbicularis oculi – schließt das Augenlid
- Depressor anguli oris (DAO) – zieht den Mundwinkel nach unten
- Platysma – Halsmuskel, zieht die Kinnlinie nach unten
Drei Phasen der Mimikfalte
Jede Mimikfalte wird in drei Phasen unterteilt: dynamisch, statisch und strukturell. Eine dynamische Falte ist nur bei Mimik sichtbar; die Haut ist noch nicht geschädigt, sie faltet sich nur. Eine statische Falte ist auch im Ruhezustand dauerhaft, weil der Muskel durch wiederholte Kontraktion das Kollagennetzwerk gestört hat. Eine strukturelle Falte hängt von Veränderungen in den Knochen- und Fettkompartimenten ab – Botox allein reicht hier nicht aus.
Botox wirkt am besten in der dynamischen Phase. Bei einer Falte, die in die statische Phase übergegangen ist, mildert Botox die Falte, löscht sie aber nicht vollständig; hier sind unterstützende Maßnahmen wie Skin Booster, Microneedling oder Peeling erforderlich. In der strukturellen Phase kommen Volumen-/Architekturinterventionen wie Filler und Fäden zum Einsatz. Botox ist also kein magischer Radiergummi, sondern das richtige Werkzeug in der richtigen Phase.
Klinischer Hinweis:Bei der Patientenuntersuchung arbeite ich zuerst mit der Abfolge „Mimik machen, entspannen“. Eine Falte, die bei Mimik entsteht und in Ruhe verschwindet, ist gut mit Botox zu behandeln. Wenn eine Falte auch in Ruhe sichtbar ist, wird kein Plan erstellt, ohne mit dem Patienten über Filler/Hautbehandlungen gesprochen zu haben.
Warum ist es falsch, jede Mimik zu unterdrücken?
Der Gesichtsausdruck ist ein ausgewogenes Zusammenspiel der Muskeln. Eine Mimik vollständig zu unterdrücken, bringt auch das emotionale Feedback zum Schweigen, von dem dieser Ausdruck genährt wird. Das menschliche Gehirn imitiert kurzzeitig die Mimik des Gegenübers, wenn es Empathie empfindet; wenn diese Imitation nicht möglich ist, schwächt sich die Kommunikation ab. Ein zu stark unterdrücktes Gesicht mag zwar den Anschein erwecken, das Aussehen des Patienten „korrigiert“ zu haben, stört aber seine soziale Kommunikation auf kostspielige Weise.
Mein klinisches Ziel ist niemals „Mimik entfernen“; es ist immer „Mimikproduktion reduzieren, Gleichgewicht bewahren“. Dieses Prinzip wird uns ab Kapitel 6 in jeder Region wieder begegnen.
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